Vom Vereinsplakat bis zur Speisekarte: Generative KI (Künstliche Intelligenz) macht beeindruckende Bilder für alle zugänglich. Doch warum sieht plötzlich so vieles gleich aus? Man erkennt sie inzwischen erstaunlich schnell. Die Plakate fürs Vereinsfest, die Werbung für den örtlichen Friseursalon, die Speisekarte im Restaurant oder die Ankündigung einer Geschäftseröffnung. Überall begegnen uns perfekt ausgeleuchtete Menschen, spektakuläre Hintergründe, dramatische Sonnenuntergänge und eine Bildsprache, die selbst aus einem einfachen Schnitzel mit Pommes ein kulinarisches Weltereignis macht.

Ich bin selbst ein großer Anhänger generativer künstlicher Intelligenz. Als Fotograf und Digitalkünstler beschäftige ich mich intensiv mit ihren kreativen Möglichkeiten, experimentiere mit KI-generierten Bildern und sehe darin eine enorme Bereicherung. Was mir allerdings zunehmend auffällt: Nur weil wir heute nahezu jedes Motiv innerhalb weniger Sekunden erzeugen können, scheint plötzlich auch alles möglichst spektakulär aussehen zu müssen.
Das Bier im Festzelt leuchtet wie flüssiges Gold. Der Burger schwebt vor einer Explosion aus Flammen und Gewürzen. Die neue Frisur wird zur futuristischen Kunstinstallation. Und beim Dorffest könnte man meinen, Hollywood hätte gerade die Rechte an der Verfilmung gekauft. Willkommen in der wunderbaren Welt der KI-generierten Werbung.
Wenn aus einem Vereinsfest eine Hollywood-Produktion wird
Wer schon einmal für einen Verein, einen kleinen Betrieb oder eine Veranstaltung verantwortlich war, kennt vermutlich die Situation. Es braucht noch schnell ein Plakat, einen Flyer oder einen Beitrag für Instagram. Das Budget ist überschaubar, die Zeit knapp und professionelle Unterstützung häufig nicht verfügbar. Heute reicht eine einfache Anweisung an eine KI: „Erstelle ein modernes, emotionales Plakat für unser Sommerfest mit Live-Musik, Bier, guter Stimmung und begeisterten Menschen.“
Wenige Sekunden später präsentiert die KI ein Motiv, das aussieht, als wäre das Sommerfest der Höhepunkt einer internationalen Konzerttournee. Beeindruckend? Durchaus. Passend? Darüber lässt sich streiten. Denn manchmal wäre es schon ausreichend, wenn man erkennen könnte, welcher Verein eigentlich feiert, wo die Veranstaltung stattfindet und wann sie beginnt.
Auch das Schnitzel braucht plötzlich Spezialeffekte
Besonders unterhaltsam finde ich diese Entwicklung in der Gastronomie. Immer häufiger entdecke ich Speisekarten, Tagesangebote und Werbebilder, bei denen offenbar das Motto gilt: Je spektakulärer, desto appetitlicher. Da werden Burger zu architektonischen Meisterwerken, Pizzen schweben durch die Luft und aus einer einfachen Portion Pasta wird eine dramatische Inszenierung mit fliegenden Tomaten, Basilikumblättern und perfekt arrangierten Lichtstrahlen. Natürlich können solche Bilder Aufmerksamkeit erzeugen. Aber was passiert mit meinen Erwartungen, wenn ich anschließend im Restaurant sitze und ein ganz gewöhnliches Essen serviert bekomme?
Gerade in der Gastronomie gibt es viele Möglichkeiten, mit einfachen und glaubwürdigen Bildern zu überzeugen. Ein gutes Foto eines frisch zubereiteten Gerichts kann mehr Appetit machen als die perfekte digitale Fantasie. Eine übersichtliche Speisekarte, die ich auch bei gedämpftem Licht lesen kann, ist für mich jedenfalls wertvoller als eine grafische Leistungsschau. Und wenn der Wirt um die Ecke plötzlich mit denselben Hochglanzmotiven wirbt wie eine internationale Restaurantkette, frage ich mich, wo eigentlich sein eigener Charakter geblieben ist.
Kleine Betriebe, große Inszenierungen
Ähnliches beobachte ich bei kleinen Unternehmen. Friseursalons, Handwerksbetriebe und lokale Geschäfte können heute Werbebilder produzieren, für die früher erhebliche Budgets notwendig gewesen wären. Das eröffnet ihnen neue Möglichkeiten. Allerdings scheint damit auch das Bedürfnis zu wachsen, möglichst groß, modern und international aufzutreten. Plötzlich sieht die Tischlerei aus wie ein globaler Designkonzern, der Kosmetiksalon wie eine Luxusmarke aus Dubai und das regionale Fitnessstudio wie der Schauplatz eines Hollywood-Actionfilms. Dabei liegt der besondere Wert vieler kleiner Betriebe gerade in ihrer Persönlichkeit. Die Menschen dahinter, ihre Geschichte, ihre Arbeitsweise und ihre regionale Verwurzelung machen sie interessant. Und ausgerechnet diese Eigenheiten verschwinden häufig hinter einer austauschbaren Hochglanzästhetik.
Das ist für mich einer der interessantesten Widersprüche der generativen KI. Wir verfügen über Werkzeuge, mit denen wir nahezu unbegrenzt unterschiedliche Bildwelten erschaffen können. Trotzdem begegnen uns immer wieder dieselben visuellen Rezepte: warme Sonnenuntergänge, perfekte Gesichter, cineastische Tiefenschärfe, schwebende Objekte und dramatische Lichteffekte. Natürlich gab es schon vor der KI austauschbare Stockfotos und langweilige Werbevorlagen. Aber heute lassen sich solche Bilder in Sekunden produzieren. Die technische Qualität kann dabei leicht darüber hinwegtäuschen, dass eine eigenständige Idee fehlt.
Wenn ich auf einer Werbung jedes beliebige Logo austauschen kann, ohne dass sich der Gesamteindruck verändert, hat die Gestaltung etwas Wesentliches verloren: ihre Identität.
Ein schönes Bild ist noch keine gute Gestaltung
Ein weiterer Punkt fällt mir besonders bei Plakaten und Social-Media-Beiträgen auf. Zuerst entsteht ein möglichst eindrucksvolles Bild. Anschließend kommt jemand auf die Idee, dass man eigentlich auch noch Informationen vermitteln wollte. Also müssen Datum, Uhrzeit, Adresse, Eintrittspreise, Kontaktdaten, Sponsoren und natürlich das Logo irgendwo untergebracht werden.
Dummerweise hat die KI bereits jeden freien Zentimeter mit dramatischem Licht, glücklichen Menschen oder dekorativen Elementen ausgefüllt. Die Schrift wird kleiner. Dann bekommt sie einen Schatten, eine Kontur oder eine halbtransparente Fläche. Im Zweifelsfall alles zusammen. Irgendwann passt alles drauf. Lesen kann man allerdings kaum noch etwas.
Dabei besteht gute Gestaltung vor allem darin, Entscheidungen zu treffen. Welche Information ist entscheidend? Was soll zuerst wahrgenommen werden? Wo braucht das Auge Ruhe? Welche Schrift passt zum Absender? Und was kann ich einfach weglassen? Das sind Grundlagen visueller Kommunikation. Daran hat auch künstliche Intelligenz nichts geändert.
Was mich die Fotografie darüber gelehrt hat
Als Fotograf beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit der Frage, was ein gutes Bild ausmacht. Technische Qualität spielt dabei selbstverständlich eine Rolle. Schärfe, Belichtung, Farben und Bildkomposition gehören zum Handwerk. Aber ein technisch perfektes Foto ist deshalb noch lange kein interessantes Foto. Manchmal erzählen gerade die kleinen Unvollkommenheiten eine Geschichte. Ein ungewöhnlicher Bildausschnitt, eine unerwartete Lichtstimmung oder ein Moment, den man gar nicht inszenieren könnte. Es sind häufig diese Eigenheiten, die einem Bild Charakter geben.
Auch in meiner digitalen Kunst experimentiere ich mit künstlicher Intelligenz. Besonders spannend finde ich die Möglichkeit, Bilder zu erschaffen, die ich mit einer Kamera gar nicht fotografieren könnte. Dabei versuche ich, meine fotografische Sichtweise einzubringen. Ich beschäftige mich mit Licht, Perspektive, Komposition und der beabsichtigten Wirkung. Und genau hier liegt für mich ein besonders interessanter Aspekt: Auch mit künstlicher Intelligenz kann eine eigenständige künstlerische Handschrift entstehen.
Wer sich intensiv mit Bildgestaltung beschäftigt, entwickelt mit der Zeit bestimmte Vorlieben, Sichtweisen und gestalterische Entscheidungen. Diese persönliche Handschrift kann sich auch in KI-generierten Bildern widerspiegeln. In der Wahl der Motive, in ungewöhnlichen Perspektiven, in wiederkehrenden Gestaltungselementen oder in einer bewusst entwickelten Bildsprache. Das erfordert allerdings mehr als eine allgemeine Anweisung wie „Mach es modern, emotional und professionell“. Es braucht eine Idee, gestalterische Entscheidungen und manchmal viele Versuche, bis das Ergebnis der eigenen Vorstellung entspricht.
Ich betrachte KI deshalb als Erweiterung meiner kreativen Möglichkeiten. Sie erlaubt mir, über die Grenzen der klassischen Fotografie hinauszugehen und trotzdem meiner eigenen Bildsprache treu zu bleiben. Vielleicht erklärt das auch meine Skepsis gegenüber der zunehmenden Gleichförmigkeit vieler KI-Bilder. Ich sehe, welche Vielfalt diese Technologie ermöglicht, und frage mich, warum wir uns so häufig mit denselben visuellen Rezepten zufriedengeben.
Eine großartige Chance für kleine Budgets
Bei aller Kritik sehe ich in der generativen KI eine enorme Chance. Nicht jeder Verein kann professionelle Grafikerinnen oder Grafiker beauftragen. Nicht jedes Restaurant verfügt über ein Marketingbudget. Und selbstverständlich braucht ein kleiner Betrieb keine Werbeagentur, um geänderte Öffnungszeiten oder eine Veranstaltung anzukündigen. KI kann hier viel bewirken. Sie hilft bei der Entwicklung von Ideen, bei der Bildbearbeitung, beim Freistellen von Motiven oder beim Erstellen von Hintergründen. Allerdings braucht auch ein gutes Werkzeug jemanden, der damit umgehen kann.
Wer Photoshop besitzt, ist deshalb noch kein Grafiker. Wer eine teure Kamera kauft, wird dadurch nicht automatisch zum Fotografen. Und wer einen hochwertigen Akkuschrauber besitzt, ist vermutlich auch noch lange kein Tischler. Warum sollte das bei generativer KI anders sein? Ein paar gut formulierte Anweisungen reichen heute, um technisch beeindruckende Ergebnisse zu erzielen. Zur Gestaltung gehören aber auch Kenntnisse über Typografie, Farben, Bildaufbau, Lesbarkeit, Zielgruppen und Markenidentität. Vor allem braucht es die Fähigkeit, zwischen einer schönen Darstellung und einer funktionierenden Botschaft zu unterscheiden.
Dabei kann gerade KI auch Menschen ohne gestalterische Ausbildung helfen, ein besseres Gefühl für Design zu entwickeln. Wer verschiedene Entwürfe vergleicht, gezielt Änderungen ausprobiert und sich mit den Ergebnissen auseinandersetzt, kann dabei durchaus etwas über Bildgestaltung lernen. Ein Plakat soll Menschen informieren und zu einer Veranstaltung einladen. Eine Speisekarte soll Orientierung geben und Appetit machen. Die Werbung eines Handwerksbetriebs soll Vertrauen schaffen und seine Leistungen verständlich vermitteln. Wenn die Gestaltung diese Aufgaben erfüllt und zugleich zum jeweiligen Absender passt, hat sie ihren Zweck erreicht.
Vielleicht darf es wieder etwas einfacher sein
Ich wünsche mir gelegentlich etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit den neuen Möglichkeiten. Das nächste Vereinsfest braucht keine epische Filmszene. Die Pizzeria um die Ecke muss ihre Margherita nicht durch eine Wolke aus Funken und Mehl schweben lassen. Und ein kleiner Handwerksbetrieb darf ruhig zeigen, wie seine Werkstatt aussieht und welche Menschen dort arbeiten. Manchmal reichen ein gutes Foto, eine passende Schrift, zwei Farben und eine klare Botschaft. Und manchmal kann gerade ein ungewöhnliches KI-generiertes Motiv eine Geschichte erzählen, die mit klassischen Mitteln kaum darstellbar wäre. Entscheidend ist, dass jemand eine Idee verfolgt und bewusst gestaltet.
Gerade die kleinen, unperfekten und individuellen Dinge machen unsere Umgebung interessant. Das handgeschriebene Tagesangebot, das authentische Foto aus der Werkstatt oder das mit Bedacht gestaltete Plakat eines Vereins können mehr Persönlichkeit vermitteln als ein technisch perfektes Bild aus dem KI-Generator. Ein originelles, bewusst entwickeltes KI-Motiv kann allerdings genauso eine unverwechselbare Identität vermitteln. Ich bin überzeugt, dass KI langfristig einen selbstverständlichen Platz in der Gestaltung einnehmen wird. Genauso wie digitale Bildbearbeitung, Layoutprogramme oder Stockfotos heute.
Deshalb interessiert mich auch immer weniger, ob ein Bild mit künstlicher Intelligenz erstellt wurde. Viel entscheidender finde ich die Frage, ob dahinter eine erkennbare Idee steht, ob es zum Absender passt und seinen Zweck erfüllt. Nur weil wir heute alles spektakulär gestalten können, muss nicht alles spektakulär aussehen. Vor allem dann, wenn wir eigentlich nur wissen möchten, was das Schnitzel kostet.


