Über eine Sprache, die ich nie richtig gelernt habe, einen kroatischen Künstler, der mit künstlicher Intelligenz Erinnerungen zum Leben erweckt, und meine späte Motivation, noch einmal die Schulbank zu drücken.
Wie mein Name erahnen lässt, bin ich im ehemaligen Jugoslawien geboren. Heute bin ich kroatischer Staatsbürger, lebe seit über 50 Jahren in Österreich und spreche meine Muttersprache auf einem erstaunlich einfachen Niveau.
Während ich mich im Englischen auf C2-Niveau bewege, würde ich meine Kenntnisse in Serbokroatisch bestenfalls auf A2 einstufen. Im gesprochenen Alltag komme ich gut zurecht. Ich verstehe vieles, kann mich unterhalten und weiß meistens, was mein Gegenüber von mir möchte. Sobald es aber um Grammatik, Lesen oder Schreiben geht, wird es schwierig. Besonders bei Behördengängen oder anspruchsvolleren Gesprächen stoße ich schnell an meine Grenzen.
Warum bezeichne ich Serbokroatisch trotzdem als meine Muttersprache?
Weil ich das meiste tatsächlich von meiner Mutter gelernt habe. Sie ist eine einfache Frau, mit einer einfachen, direkten Sprache. Genau diese Sprache hat sie mir mitgegeben. Trotz des sogenannten muttersprachlichen Unterrichts in meiner Volksschulzeit habe ich den Großteil meiner Kenntnisse bei Familienbesuchen und während der obligatorischen Heimaturlaube erworben. Durch Gespräche mit Verwandten, beim Zuhören und durch das tägliche Miteinander. Von einer klassischen sprachlichen Ausbildung bin ich also weit entfernt. Meine Muttersprache ist vor allem eine Sprache der Erinnerungen, der Familie und des Alltags.
Eine späte Annäherung an meine Wurzeln
Einen Großteil meines Lebens hat es mich ehrlich gesagt kaum interessiert, mein Serbokroatisch zu verbessern. Ich kam zurecht, und das genügte mir. Erst in meinen frühen Vierzigern begann sich etwas zu verändern. Ich beschäftigte mich zunehmend mit meiner Identität, meiner Herkunft und der Frage, wie viel von dem Land, in dem ich geboren wurde, eigentlich noch in mir steckt. Der Wunsch, meine Muttersprache besser zu beherrschen, war plötzlich da. Allerdings gab es immer andere Prioritäten. Beruf, Partnerschaft, Weiterbildung und unzählige Projekte. Ihr kennt das vermutlich.
Ganz losgelassen hat mich das Thema dennoch nie. Besonders online habe ich immer wieder versucht, meinen Wortschatz zu erweitern, Videos anzusehen oder Texte zu lesen. Meistens ohne konkretes Ziel und ohne besondere Konsequenz. Bis ich vor einigen Monaten auf die Arbeiten eines kroatischen Künstlers gestoßen bin.
Philatz. Wenn künstliche Intelligenz Erinnerungen weckt
Sein Name ist Filip Filković, besser bekannt als Philatz. Er ist ein kroatischer Künstler und Filmemacher, der mit seinen KI-generierten Videos eine bemerkenswerte Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart schafft. Während viele Menschen künstliche Intelligenz vor allem mit der Zukunft verbinden, verwendet Philatz diese Technologie, um Erinnerungen an vergangene Zeiten sichtbar zu machen.
Besonders seine Serie „Spomenar“, sinngemäß übersetzt „Erinnerungsalbum“, hat mich begeistert. Darin lässt er mithilfe künstlicher Intelligenz das Leben vergangener Jahrzehnte wieder aufleben. Straßen, Häuser, Alltagsszenen und kleine Momente, die vielen Menschen vertraut vorkommen. Auf Grundlage historischer Bilder und visueller Erinnerungen entstehen bewegte Geschichten. Sie zeigen ein Leben, dass sich verändert hat, und einen Alltag, an den sich ältere Generationen noch erinnern können. Jüngere Menschen erhalten dadurch einen emotionalen Zugang zu einer Zeit, die sie selbst nie erlebt haben.
Die Videos verbreiten sich in den sozialen Medien und berühren offenbar viele Menschen. Ich kann gut verstehen, warum. Es geht um mehr als nostalgische Bilder. Die Geschichten erzählen von menschlichen Beziehungen, von Zugehörigkeit und von einem Lebensgefühl, das wir heute gerne mit einer weniger hektischen Zeit verbinden. Ob früher tatsächlich alles besser oder einfacher war, sei dahingestellt. Aber die Sehnsucht nach solchen Erinnerungen ist nachvollziehbar.
Die Stimme, die mich nicht loslässt
Was mich neben der visuellen Gestaltung besonders fasziniert, ist die Sprache. Die Videos werden von einer ruhigen, klaren und unaufdringlichen Stimme begleitet. Die Betonung, das Tempo, die Wortwahl und die Pausen sind für mich außergewöhnlich stimmig. Diese Stimme erzählt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Sie lässt den Bildern Raum und gibt den Geschichten gleichzeitig eine besondere Tiefe. Ich könnte ihr stundenlang zuhören. Und genau hier schließt sich für mich der Kreis zu meiner Muttersprache.
Ich verstehe die Erzählungen größtenteils problemlos. Gleichzeitig entdecke ich Wörter, Formulierungen und sprachliche Feinheiten, die mir bislang fremd waren. Manchmal höre ich mir einzelne Passagen mehrmals an, einfach weil mir gefällt, wie etwas ausgedrückt wird. Es ist eine eigenartige Erfahrung, wenn einen eine Sprache, die man seit seiner Kindheit kennt, plötzlich auf eine ganz neue Weise begeistert.
Künstliche Intelligenz und die Grenzen des Erzählens
Natürlich fasziniert mich an Philatz auch seine Arbeit mit künstlicher Intelligenz. Schließlich habe ich mich im Rahmen meiner Masterarbeit intensiv mit KI-gestütztem digitalem Storytelling beschäftigt. Gerade seine Videos zeigen, welches Potenzial diese Technologie für visuelles Erzählen besitzt. Historische Fotografien können in Bewegung versetzt, längst vergangene Alltagsszenen rekonstruiert und Erinnerungen in eine neue Bildsprache übersetzt werden. Besonders interessant finde ich dabei seine Haltung zur Rolle des Menschen. In einer seiner Aussagen über künstliche Intelligenz und das Reisen beschreibt er sinngemäß einen Gedanken, der mir aus der Seele spricht:
KI kann ein perfektes Bild des Meeres erzeugen. Aber sie kann nicht empfinden, wie das Meer unsere Atmung verändert. Sie weiß nicht, warum eine bestimmte Straße in einer bestimmten Stadt für immer Teil unserer persönlichen Geschichte geworden ist. Eine Reise verändert uns. Wir brechen als ein Mensch auf und kehren mit neuen Erfahrungen zurück. Deshalb ist eine gute Reisegeschichte immer auch ein Stück emotionale Autobiografie. Künstliche Intelligenz kann helfen, solche Erfahrungen sichtbar zu machen. Die Bedeutung, die wir ihnen geben, entsteht aus unserem eigenen Erleben.
Dieser Gedanke beschreibt für mich sehr treffend, was gutes Storytelling ausmacht. Technik kann beeindruckende Bilder erschaffen. Die emotionale Verbindung entsteht durch die Geschichten, Erinnerungen und Erfahrungen der Menschen. Und genau das gelingt Philatz mit seinen Arbeiten auf bemerkenswerte Weise.
Und was hat das alles mit mir zu tun?
Mehr, als ich ursprünglich gedacht hätte. Seine Videos haben in mir etwas ausgelöst, das ich lange vor mir hergeschoben habe: den ernsthaften Wunsch, meine Muttersprache endlich besser zu lernen. Ich möchte anspruchsvollere Gespräche führen, Texte verstehen, ohne ständig nach einzelnen Wörtern suchen zu müssen, und mich auch schriftlich sicher ausdrücken können. Deshalb habe ich mich für einen Sprachkurs auf B-Niveau angemeldet. Ende des Jahres soll es losgehen.
Ob meine derzeitigen Kenntnisse für diesen Einstieg ausreichen, wird sich zeigen. Vielleicht muss ich zunächst einige Grundlagen auffrischen. Woher ich neben Beruf, Alltag und meinen zahlreichen Interessen die notwendige Zeit und Energie nehmen werde, weiß ich ebenfalls noch nicht. Aber ich bin motiviert. Und das ist schon einmal mehr, als ich über viele Jahre von mir behaupten konnte.
Es ist schon erstaunlich: Da beschäftige ich mich seit Jahren mit künstlicher Intelligenz, digitalen Medien und der Zukunft unserer Kommunikation. Und ausgerechnet ein KI-Künstler aus Kroatien bringt mich dazu, mich wieder intensiver mit meiner eigenen Vergangenheit und Herkunft auseinanderzusetzen. Manchmal braucht es eben modernste Technologie, um etwas wiederzuentdecken, das uns schon ein Leben lang begleitet.
Wer sich selbst ein Bild von den Arbeiten von Filip Filković machen möchte, findet ihn unter dem Namen Philatz auf Facebook und Instagram.

