Die biblischen Zehn Gebote haben unsere Vorstellungen von Moral und Zusammenleben über Jahrhunderte geprägt. Viele ihrer Grundgedanken besitzen auch heute einen Wert, unabhängig davon, ob man religiös ist oder nicht.
Für mich als Agnostiker liegt die Grundlage meines Handelns jedoch nicht in religiösen Geboten. Ich weiß nicht, ob es einen Gott oder eine andere Form höherer Wirklichkeit gibt. Und ich halte es für ehrlicher, diese Frage offen zu lassen, als eine Gewissheit zu behaupten, die ich nicht habe. Moral braucht für mich trotzdem ein Fundament. Ich finde es in Vernunft, Mitgefühl, Wissen, persönlicher Freiheit und Verantwortung. Daraus sind zehn Leitgedanken entstanden. Sie sind keine Gebote und erheben keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit. Sie beschreiben, woran ich mich orientieren möchte.
Und sie dürfen sich verändern, wenn Erfahrungen, Erkenntnisse oder gute Argumente es verlangen.
1. Sei offen für Neues und bereit, deine Überzeugungen zu ändern, wenn neue Beweise es nahelegen.
Eine Überzeugung zu ändern, empfinde ich nicht als Schwäche. Im Gegenteil. Wer seine Meinung nie korrigiert, müsste entweder schon alles wissen oder dürfte nichts Neues mehr lernen. Beides erscheint mir wenig wahrscheinlich. Offenheit bedeutet deshalb für mich, auch jene Informationen ernst zu nehmen, die meinem bisherigen Weltbild widersprechen. Vielleicht zeigt sich geistige Stärke gerade darin, sagen zu können: Ich habe mich geirrt.
2. Bemühe dich, die Wahrheit zu erkennen und nicht nur das zu glauben, was du gerne wahrhaben möchtest.
Wir Menschen suchen Bestätigung. Informationen, die zu unseren Ansichten passen, fühlen sich oft überzeugender an als solche, die sie infrage stellen. Genau deshalb lohnt sich der kritische Blick auf die eigenen Überzeugungen. Welche meiner Ansichten beruhen auf überprüfbaren Tatsachen? Welche auf Erfahrung? Welche habe ich übernommen, weil sie zu meinem Weltbild passen? Die schwierigste Skepsis richtet sich manchmal gegen die eigene Gewissheit.
3. Die wissenschaftliche Methode ist unser verlässlichster Weg, die natürliche Welt zu verstehen.
Wissenschaft liefert keine ewigen Wahrheiten. Ihre Stärke liegt gerade darin, dass Erkenntnisse überprüft, hinterfragt und durch bessere Erkenntnisse ersetzt werden können. Für mich als Akademiker, macht das Wissenschaft glaubwürdig. Zweifel ist darin kein Fehler, sondern Teil der Methode. Wo belastbare Erkenntnisse fehlen, darf auch ein „Ich weiß es nicht“ eine vernünftige Antwort sein.
4. Jeder Mensch hat das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen, solange dadurch die Freiheit anderer oder ihr Wohlergehen nicht verletzt werden.
Selbstbestimmung gehört für mich zu den grundlegenden Freiheiten eines Menschen. Der eigene Körper ist ein sehr persönlicher Bereich, in dem Entscheidungen möglichst bei der betroffenen Person liegen sollten. Freiheit bringt zugleich Verantwortung mit sich. Unsere Entscheidungen finden selten völlig isoliert statt. Deshalb gehört für mich zur Selbstbestimmung auch die Frage, welche konkreten Folgen eine Entscheidung für andere Menschen haben kann.
5. Man braucht keine höhere Macht, um ein guter Mensch zu sein oder ein erfülltes Leben zu führen.
Als Agnostiker kann ich die Existenz einer höheren Macht weder bestätigen noch ausschließen. Für mein moralisches Handeln brauche ich auf diese Frage keine endgültige Antwort. Menschen können Sinn in Religion finden, andere in Familie, Freundschaft, Natur, Kunst, Wissen, Arbeit oder im Engagement für andere. Entscheidend ist für mich, wie jemand handelt. Den Glauben anderer kann ich respektieren, solange auch meine Freiheit respektiert wird, nicht zu glauben oder die Frage offen zu lassen.
6. Sei dir der Folgen deiner Handlungen bewusst und übernimm Verantwortung dafür.
Absichten zählen. Folgen ebenso. Gut gemeint zu handeln, schützt uns nicht davor, Fehler zu machen oder anderen zu schaden. Verantwortung beginnt für mich dort, wo ich bereit bin, mein eigenes Handeln ehrlich anzusehen. Dazu gehört, Fehler einzugestehen, Konsequenzen zu tragen und beim nächsten Mal anders zu entscheiden. Eine Entschuldigung gewinnt ihren Wert durch das Verhalten, das ihr folgt.
7. Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest und wie sie es sich ebenfalls wünschen.
Die bekannte goldene Regel ist ein guter Ausgangspunkt. Sie hat allerdings eine Grenze: Andere Menschen wünschen sich möglicherweise etwas anderes als ich. Respekt bedeutet deshalb auch, zuzuhören. Welche Grenzen hat mein Gegenüber? Was empfindet diese Person als fair, würdevoll oder verletzend? Empathie beginnt mit der Erkenntnis, dass die eigene Perspektive nur eine von vielen ist.
8. Wir tragen Verantwortung für andere und für jene, die nach uns kommen.
Viele Entscheidungen reichen weiter als bis zum eigenen Leben. Wie wir mit Ressourcen, Umwelt, Wissen und gesellschaftlichen Strukturen umgehen, beeinflusst Menschen, die an diesen Entscheidungen überhaupt nicht beteiligt waren. Künftige Generationen können heute keine Ansprüche stellen und keinen Widerspruch einlegen. Gerade deshalb verdienen ihre Interessen einen Platz in unseren Entscheidungen.
9. Es gibt keinen einzigen richtigen Weg, ein Leben zu führen.
Menschen unterscheiden sich in ihren Bedürfnissen, Zielen, Beziehungen und Vorstellungen von einem gelungenen Leben. Was für einen Menschen Sinn ergibt, muss für einen anderen nicht passen. Diese Vielfalt auszuhalten, gehört für mich zu einer freien Gesellschaft. Solange Menschen die Rechte anderer achten, sollten sie ihren eigenen Weg suchen dürfen. Vielleicht müssen wir einander auch nicht immer verstehen, um einander respektieren zu können.
10. Hinterlasse die Welt besser, als du sie vorgefunden hast. Und gehe mit mehr Wissen und Einsicht schlafen, als du am Morgen hattest.
Dieser Gedanke verbindet für mich zwei Ebenen: die Welt um uns herum und die eigene Entwicklung. Niemand kann jeden Tag große Veränderungen bewirken. Jeder Tag bietet aber Möglichkeiten, etwas zu lernen, eine Annahme zu hinterfragen, jemandem zu helfen oder einen Fehler zu korrigieren. „Besser“ muss dabei nichts Großes bedeuten. Vielleicht reicht manchmal ein zusätzliches Stück Erkenntnis, etwas mehr Verständnis oder eine Entscheidung, deren positive Wirkung erst viel später sichtbar wird.
Keine Gebote
Diese zehn Gedanken sind eine Momentaufnahme. Ich möchte sie gerade deshalb nicht in Stein meißeln. Wenn ich Offenheit gegenüber neuen Erkenntnissen von mir selbst verlange, muss das auch für diese Prinzipien gelten. Meine agnostische Haltung bedeutet für mich, mit offenen Fragen leben zu können. Ich brauche keine Gewissheit über das Übernatürliche, um Entscheidungen im Hier und Jetzt zu treffen. Mir genügt die Verantwortung für das, was ich erkennen, beeinflussen und verändern kann.
Vielleicht liegt darin auch der Gedanke, der alle zehn Punkte verbindet: Überzeugungen dürfen vorläufig sein. Verantwortung ist es nicht.

