
Samstag, 28. September 2019
Am frühen Abend komme ich in Kyjiw, wie es seit 2024 offiziell geschrieben wird, an. Schon bei der Fahrt zum Hotel ist klar: Diese Stadt fühlt sich anders an als viele andere europäische Hauptstädte. Größer, rauer, unmittelbarer.
Nach dem Einchecken zieht es mich noch einmal hinaus. Nur kurz etwas essen, ein wenig frische Luft, ein erster Eindruck. Ich fahre mit der Straßenbahn, laufe durch die Umgebung und merke schnell, dass die Straßen hier ihre ganz eigene Persönlichkeit haben. Uneben ist noch freundlich formuliert.
Wenig später stolpere ich so unglücklich, dass ich mehr oder weniger im Vorwärtsgang eine Straße überquere. Elegant war das nicht. Eher ein ungeplanter Stunt mit Publikumsbeteiligung. Freundliche Passanten helfen mir sofort auf. In diesem Moment wird mir kurz bewusst, wie dumm es gewesen wäre, mich gleich am ersten Abend ernsthaft zu verletzen.
Aber gut, Unkraut vergeht nicht.





Sonntag, 29. September 2019
Die Reise in die Sperrzone habe ich unter anderem bei Nikolai Fomin von Gamma Travel gebucht. Fünf von fünf Sternen, ohne jede Übertreibung. Und ja, er heißt wirklich wie der Chefingenieur des Kraftwerks. Allein das ist schon fast zu gut, um wahr zu sein.
Am Morgen werde ich abgeholt. Es geht los. Wieder. Schon beim Verlassen von Kyjiw verändert sich die Stimmung. Die Stadt bleibt zurück, die Häuser werden weniger, die Dörfer kleiner, die Abstände größer. Die Landschaft öffnet sich, und mit jedem Kilometer wird es stiller.
Dann steht man wieder am Checkpoint zur 30-Kilometer-Zone. Kontrolle. Papiere. Dosimeter. Diese Routine wirkt sachlich und nüchtern, und genau das macht sie so eindrücklich. Kein großes Spektakel. Kein dramatischer Auftritt. Nur dieser Moment, in dem man merkt: Ab hier beginnt ein anderer Raum.
Kurz nach Mittag erreichen wir einen Ort, der sich für mich fast wie ein Kreis anfühlt. Wir starten dort, wo ich 2017 die Zone verlassen habe: bei der Duga1-Radarstation. Schon die Fahrt dorthin ist besonders. Kilometerlange Straßen durch den Wald, dann plötzlich dieses Tor mit den silbernen Sternen. Als hätte jemand ein Denkmal in die Einsamkeit gesetzt. Die erste Nacht verbringe ich in einem Übergangshotel, weil das gewünschte Hostel überbucht ist. Die Ausstattung ist sehr schlicht, die Zimmer sind eiskalt, und Gemütlichkeit war hier ganz offensichtlich nie das zentrale Gestaltungskonzept. Aber ich habe mein Zimmer für mich allein. In der Sperrzone lernt man schnell, solche kleinen Siege zu schätzen.





Montag, 30. September 2019
Der Tag beginnt früh. Unser erster Stopp heißt schlicht „Supermarkt“, was in diesem Kontext fast schon komisch klingt. Danach fahren wir nach Prypjat.
Es gibt Orte, die man schon unzählige Male auf Fotos gesehen hat und die einen trotzdem treffen, sobald man selbst davorsteht. Der Vergnügungspark gehört für mich dazu. Vielleicht ist er deshalb so traurig, weil er längst zu einem Symbol geworden ist. Vielleicht aber auch, weil dort alles stillsteht, obwohl man sich sofort Bewegung vorstellen kann. Kinderlärm, Musik, Stimmen. Stattdessen: nur Stille, Bäume und Rost. Wir sehen Schulen, Kindergärten, das Café Prypjat und einen Friseursalon. Alles wirkt gleichzeitig vertraut und entrückt.
Später beziehen wir endlich das Hotel „Desyatka“, ab 22 Uhr herrscht hier Ausgangssperre. Aber das hat mich nicht weiter gestört – etwas zu Essen, eine Dusche und ein Bett waren viel wichtiger.
Und weil ich offenbar einen gewissen Ruf zu verteidigen habe, schaffe ich es auch dort wieder zu stolpern und auf dem Vorplatz zu stürzen. Die Panik in den Gesichtern meiner Mitreisenden war ehrlicherweise unbezahlbar. Ich selbst war vor allem erleichtert, dass außer meiner Würde nichts Ernstes beschädigt wurde.





Dienstag, 1. Oktober 2019
Heute geht es ins Umland, nahe an die weißrussische Grenze. Diese Orte sind nur mit dem Auto erreichbar und deshalb deutlich weniger besucht. Genau das macht sie für mich besonders. Weniger bekannt, weniger fotografiert, weniger gefiltert durch die Erwartungen anderer.
Wir sehen Schulen, Kindergärten, verlassene Bauernhöfe und eine Kirche. Gerade im ländlichen Raum wird die Zone noch stiller. In Prypjat ist immer auch das Bild im Kopf präsent, das man aus Büchern und Dokumentationen kennt. Hier draußen ist das anders. Hier erzählt der Ort sich selbst.
Den langen Tag beenden wir am Hafen. Es ist einer dieser Momente, in denen man nicht viel sagt. Nicht weil es nichts zu sagen gäbe, sondern weil alles Gesagte plötzlich kleiner wirken würde als die Stimmung dieses Ortes.





Mittwoch, 2. Oktober 2019
Wir starten wieder in Prypjat. Das Hallenbad, das Krankenhaus, Wohnungen, Straßen, Fabriken, Schrottplätze und der Bahnhof stehen auf dem Plan. Dazu kommen der Kindergarten in Kopachi und das Sommerlager Emerald.
Was mich an diesem Tag besonders trifft, ist nicht ein einzelner Ort, sondern die Jahreszeit. Der Herbst liegt über der Stadt wie ein Filter. Goldene Blätter, weiches Licht, leere Straßen. Prypjat ist zu dieser Zeit fast schön, und genau das ist so irritierend. Schönheit und Katastrophe passen gedanklich nicht gut zusammen, und doch stehen sie hier nebeneinander.
Am Abend sehe ich mir den Sonnenuntergang vom Dach des Hotels an. Einer dieser stillen, kostbaren Momente, die sich nicht inszenieren lassen. Nur Licht, Wind und diese Stadt, die sich jeden einfachen Erklärungsversuch entzieht.





Donnerstag, 3. Oktober 2019
Noch früher als sonst brechen wir auf. Es geht zu den Baustellen, wir wollen vor den Wachen dort sein. Von dort über die imposanten Kühltürme zurück in die Stadt, weiter zum Kulturpalast Energetik. Danach wieder hinaus ins Umland, zu isolierten Orten, Schulen und Kindergärten.
Einer der eindrücklichsten Momente dieser Reise ist der Besuch bei Baba Maria. Wir haben Mitbringsel dabei: Reis, Nudeln, Öl, Mehl. Nichts Spektakuläres, aber Dinge, die im Alltag zählen. Solche Begegnungen holen einen schlagartig aus jeder fotografischen oder historischen Betrachtung heraus. Plötzlich geht es nicht mehr um Lost Places, Architektur oder Geschichte, sondern um einen Menschen. Um Gegenwart. Um Würde.
Den selbst gebrannten Wodka, der mir angeboten wird, kann ich unmöglich ablehnen. Das wäre in dieser Situation fast schon unhöflicher gewesen, als ihn zu trinken. Also trinke ich. Und nehme viel mehr mit als nur ein Glas Schnaps.
Am Abend kehre ich tief beeindruckt nach Kyjiw zurück. Im Hotel bekomme ich für die letzten zwei Nächte sogar ein Upgrade zur Suite. Nach kalten Zimmern, staubigen Straßen und langen Tagen wirkt das fast surreal.





Freitag, 4. Oktober 2019
Heute ist alles etwas langsamer. Ein ruhiger Stadtbummel durch Kyjiw, später ein Treffen mit der Gruppe und gemeinsames Essen. Nach den vergangenen Tagen fühlt sich die Stadt fast laut an, obwohl sie das vermutlich die ganze Zeit war. Nur mein eigener Kopf ist inzwischen anders eingestellt.
Es ist die letzte Nacht am Hauptplatz in Kyjiw. Wir verabschieden uns voneinander. In den letzten Tagen sind wir zusammen fast 60 Kilometer gelaufen. Durch Städte, Dörfer, Ruinen, Wälder und durch eine Landschaft, die sich nicht einfach besuchen lässt, ohne etwas mit nach Hause zu nehmen.





Samstag, 5. Oktober 2019
Rückreise nach Zürich.
Wie immer bleibt nach so einer Reise ein seltsames Gefühl zurück. Man ist wieder da, körperlich jedenfalls. Aber ein Teil des Blicks bleibt noch dort. Zwischen leeren Straßen, herbstlichen Bäumen, kalten Hotelzimmern, dem Geschmack von selbst gebranntem Wodka und dieser eigenartigen Mischung aus Stille, Geschichte und Gegenwart.
Tschornobyl lässt einen nicht los. Vielleicht gerade deshalb, weil es kein Ort ist, den man je ganz versteht.





Weiter zum zweiten Teil: Der Schutzmantel bröckelt

