Meine nächste Fotoreise führt mich nach Georgien. Acht Tage zwischen verlassenen Sanatorien, monumentaler Sowjetarchitektur, jahrhundertealter Geschichte und außergewöhnlichen Landschaften.
Meine Reise nach Tschornobyl liegt inzwischen einige Jahre zurück. Ein Ort, der mich nachhaltig beeindruckt hat und der durch den Krieg in der Ukraine für touristische Reisen auf absehbare Zeit unerreichbar geworden ist. Doch ein anderes Reiseziel steht schon lange auf meiner persönlichen Liste: Georgien.

Das Land liegt im Kaukasus, an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien. Es grenzt an Russland, Aserbaidschan, Armenien und die Türkei. Eine Region mit bewegter Geschichte, kultureller Vielfalt und einer Architektur, in der sich die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahrhunderte widerspiegeln.
Besonders faszinieren mich die Spuren der sowjetischen Vergangenheit. Monumentale Bauwerke, verlassene Sanatorien und Orte, deren einstige Bedeutung heute kaum noch zu erkennen ist. Gebäude, die Geschichten erzählen, auch wenn längst niemand mehr darin wohnt. Nächstes Jahr möchte ich diese Orte endlich selbst fotografieren.
Hinweis zu den Illustrationen. Die Illustrationen in diesem Beitrag wurden mithilfe KI erstellt und sind entsprechend gekennzeichnet. Sie zeigen meine geplanten Reisemotive und vermitteln einen ersten Eindruck der Orte, die ich besuchen möchte. Damit respektiere ich die Urheberrechte anderer Fotografierender. Die Illustrationen sind künstlerische Interpretationen und erheben keinen Anspruch auf eine originalgetreue Darstellung.
Tskaltubo: Wo die Zeit stehen geblieben scheint

Das eigentliche Herzstück meiner Fotoreise liegt rund 15 Kilometer von Kutaissi entfernt: die ehemalige Kurstadt Tskaltubo, auch Zqaltubo geschrieben. Während der Sowjetzeit war sie ein bedeutender Kurort. Tausende Menschen reisten hierher, um sich in den Thermalbädern zu erholen. Die staatlich organisierten Kuraufenthalte waren Teil des damaligen Gesundheits- und Sozialsystems.
Dafür entstanden prachtvolle Sanatorien. Monumentale Säulen, elegante Wandelgänge, riesige Treppenhäuser, kunstvolle Decken und großzügige Parkanlagen sollten Erholung und gesellschaftlichen Wohlstand vermitteln.
Mit dem Zerfall der Sowjetunion begann der Niedergang vieler Einrichtungen. Zahlreiche Gebäude wurden aufgegeben und verfielen. Andere boten Menschen, die durch regionale Konflikte ihre Heimat verloren hatten, über Jahrzehnte ein neues Zuhause. Heute wirken manche dieser Bauten wie Filmkulissen aus einer vergangenen Epoche.
Drei Sanatorien stehen ganz oben auf meiner fotografischen Wunschliste:
- Das Sanatorium Metallurgist beeindruckt mit monumentaler Architektur, symmetrischen Formen und großzügigen Innenräumen. Ein Gebäude, das einst für Beschäftigte der sowjetischen Metallindustrie errichtet wurde.
- Das Sanatorium Medea erinnert mit seinen langen Kolonnaden, klassischen Säulen und weitläufigen Treppenanlagen beinahe an einen Palast. Für mich gehört es zu den eindrucksvollsten Beispielen dieser besonderen Architektur.
- Das Sanatorium Iveria dokumentiert ebenfalls die einstige Bedeutung Tskaltubos. Seine Architektur und sein heutiger Zustand machen den Wandel der ehemaligen Kurstadt sichtbar.
Ergänzen möchte ich diese Besuche durch den alten Bahnhof, das historische Badehaus Nr. 8 und das ehemalige Postamt. Gebäude, die zeigen, wie umfassend das Leben in dieser Kurstadt einst organisiert war.

Fotografisch interessieren mich vor allem die Details: abblätternder Putz, verwitterte Oberflächen, geometrische Formen und das Spiel von Licht und Schatten.
Warum gerade jetzt?
Die ehemaligen Sanatorien stehen vor einer ungewissen Zukunft. Im Herbst 2026 wurden zehn dieser historischen Gebäude erneut zur Versteigerung ausgeschrieben, darunter auch das berühmte Sanatorium Medea. Investitionen, Renovierungen und neue touristische Konzepte könnten das Stadtbild in den kommenden Jahren erheblich verändern.
Natürlich wäre es erfreulich, wenn diese architektonischen Zeugnisse erhalten und wieder mit Leben gefüllt würden. Gleichzeitig könnte damit ein Teil ihres heutigen Erscheinungsbildes verschwinden. Ich möchte diese Gebäude fotografisch dokumentieren, solange ihre Geschichte noch so unmittelbar sichtbar ist. Dabei gilt mein Interesse ebenso den Menschen und den gesellschaftlichen Veränderungen, die mit diesen Orten verbunden sind.
Kutaissi: Das lebendige Georgien

Unser Ausgangspunkt wird Kutaissi sein, eine der ältesten Städte Georgiens und das kulturelle Zentrum des Westens. Hier schlägt das Leben einen anderen Rhythmus. Traditionelle Häuser mit Holzbalkonen, enge Gassen, historische Brücken und der Fluss Rioni prägen das Stadtbild.
Besonders gespannt bin ich auf den Grünen Basar. Ein Markt voller Gewürze, Obst, Käse und regionaler Spezialitäten. An seiner Fassade befindet sich ein monumentales Relief aus der Sowjetzeit, das Szenen der georgischen Geschichte zeigt. Solche Orte interessieren mich besonders. Hier begegnen sich Alltag, Kultur und Geschichte. Ich hoffe auf authentische Straßenszenen, spannende Begegnungen und Porträts, die etwas über das Leben der Menschen erzählen.
Tschiatura: Eine Industriestadt zwischen steilen Felswänden

Ein weiterer Schwerpunkt wird Tschiatura, international Chiatura genannt. Die Stadt liegt in einer tiefen Schlucht und wurde vor allem durch den Manganabbau bekannt. Um die verschiedenen Stadtteile und Bergwerke miteinander zu verbinden, entstand ab den 1950er-Jahren ein außergewöhnliches Netz aus Seilbahnen. Die alten Kabinen, Industrieanlagen und Seilbahnstationen sind heute eindrucksvolle Zeugnisse sowjetischer Ingenieurskunst. Moderne Anlagen haben einen großen Teil des historischen Verkehrsnetzes abgelöst.
Mich reizt besonders die Kombination aus Industriearchitektur, sowjetischen Wohnhäusern und der ungewöhnlichen Topografie. In dieser Umgebung gibt es vermutlich unzählige Motive, die von Kontrasten leben: Technik und Natur, Vergangenheit und Gegenwart, monumentale Bauwerke und menschlicher Alltag.
Zwischen mittelalterlichen Klöstern und außergewöhnlicher Natur

Georgien hat fotografisch noch wesentlich mehr zu bieten als seine sowjetische Vergangenheit.
Das Kloster Gelati, gegründet im Jahr 1106 und heute UNESCO-Weltkulturerbe, gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen mittelalterlicher georgischer Kultur. Besonders seine historischen Fresken, Mosaike und die Lage in der grünen Hügellandschaft interessieren mich. Ein weiteres außergewöhnliches Motiv ist die Katskhi-Säule. Auf einem rund 40 Meter hohen Kalksteinfelsen steht eine kleine Kirche mit ehemaligen Einsiedlerzellen. Schon die Vorstellung, dieses Bauwerk aus der Entfernung zu fotografieren, fasziniert mich.
Auch die Landschaft selbst soll ausreichend Raum bekommen.
- Die Prometheus-Höhle verspricht eindrucksvolle unterirdische Hallen, Tropfsteinformationen und ungewöhnliche Lichtstimmungen.
- Im Martvili-Canyon erwarten uns türkisgrünes Wasser, Wasserfälle und dicht bewachsene Felswände.
- Und der Okatse-Canyon bietet mit seinem spektakulären Metallsteg hoch über der Schlucht völlig andere Perspektiven.
Diese Orte werden für einen willkommenen Wechsel sorgen. Nach den oft düsteren Motiven verlassener Gebäude möchte ich auch die Farben, Formen und Dimensionen der georgischen Natur festhalten.

Acht Tage und viele offene Fragen
Geplant ist eine achttägige Reise. Der Direktflug führt uns von Memmingen nach Kutaissi. Dort beziehen wir unser Hotel, das während der gesamten Reise unser Ausgangspunkt bleibt. Mit einem Mietwagen wollen wir die verschiedenen Orte erkunden. So können wir unseren Tagesablauf weitgehend selbst bestimmen und dort länger bleiben, wo das Licht, die Architektur oder eine unerwartete Entdeckung besondere fotografische Möglichkeiten bieten.
Natürlich habe ich schon bestimmte Bilder im Kopf. Aber gerade bei einer Fotoreise entstehen die interessantesten Aufnahmen oft ungeplant. Ich weiß noch nicht, welche Bilder ich aus Georgien mitbringen werde. Aber ich weiß, wonach ich suche: Orte mit Charakter, sichtbare Spuren der Zeit und Geschichten, die es wert sind, festgehalten zu werden.
Bis dahin bleibt die Vorfreude. Und die Hoffnung, dass viele dieser außergewöhnlichen Orte im Frühjahr 2027 noch so existieren, wie ich sie bisher nur von Fotografien kenne. Die Geschichte dieser Reise beginnt jedenfalls schon jetzt.

